Literatur und Malerei ähneln sich, allein ihr „Kodierungsmodus“ unterscheidet sie voneinander, so der kamerunische Autor Francis Beidi. In seinem Werk reicht die leiblich gewordene Reflexion über gemaltes oder beschriebenes Papier hinaus – sie trägt auch immer eine Überzeugungskraft in sich. In dieser Optik sieht sich der Autor als „auteur dégagé“, als freilegender Autor, der die Wirklichkeit offenlegt und zum Akt übergeht, ein so wachsamer Akt wie es Wörter und ihre Argumente sind. Am Samstag, 17. Februar stellt der Autor seine Literatur erstmals einem deutschen Publikum vor, während einer Diskussion in der „Werkstatt der Kulturen“ von Berlin.

Was hat Sie ursprünglich zum Schreiben bewegt?

Ein einfaches Stück Papier mit wenigen Zeilen, ein Stück Text hat mich zum Schreiben bewegt, wie man jemandem den Anstoß gibt, Verantwortung zu übernehmen, wie man einen Fallschirmspringer aus  dem Flugzeug stößt. Schreiben, um zu sagen, als ein Bote, schreiben, um mich zu äußern, als Agierender in dieser Welt – das ist vom Stück Papier auf mich übergesprungen. Darauf war unter anderem geschrieben: „schreiben heißt, sich auszudrücken, ohne unterbrochen zu werden.“ Ich weiß nicht, von wem dieser Gedanke stammt…

Sie haben bis dato über zehn Bücher veröffentlicht. Was inspiriert ihre Arbeit an einem neuen Buch?

Ich habe immer den Eindruck, dass ich mich in eine Entwicklung einschreibe, eine Entwicklung,  deren Anfang und mögliches Ende ich nicht kenne. Wenn man an drei oder vier Büchern parallel zwischen vier und sechs Jahren lang schreibt, findet man nicht unbedingt „das Eine“, das einen inspiriert. Gleichzeitig denke ich, meine physische Unbeständigkeit trägt da auch viel zur Inspiration bei (lächelt). Ich beobachte sehr gern Politikerinnen und Politiker! (lacht)  

Sie sind ebenfalls Maler. Was ist, ihrer Meinung nach, dieser Kunst eigen, wenn sie die Malerei mit der Literatur vergleichen?

Ein Gemälde, das ist für mich genauso ein Roman…, mit dem Unterschied, dass der Kodierungsmodus der Information nicht derselbe ist.  Die Besonderheit der Malerei, so wie ich es sehe, liegt in ihrer graphischen Eigenschaft, das kommt durch die geometrische und farbliche Mystik, womit ihre Formen eine Anziehungskraft bewirken; das ist in gewisser Weise eine Skulptur auf einer Ebene.  

Weil die Ausdruckswelt alles in eins zusammenbringt, ist die Wirkung direkt. Die Malerei kann das Imaginäre stimulieren, in aller Freiheit, wo sich der Beobachter vom Beobachteten einvernehmen lässt, das wiederum mit der geistigen Energie des Blickenden zum Leben erweckt. Sie kann, gleich einem Hintergrund, eine Meditation anstoßen und eine persönliche Therapie bewirken.

Wenn ich einen Roman schreibe, geht es mir mehr darum, zu erlauben, dass bestimmte Dinge verstanden werden. Dass alle gesammelten Dinge auf dem Rücken der Erde und dem Bauch des Himmels von jemandem verstanden werden, der die Beine auf dem Boden und den Kopf in den Wolken zu haben hat. Ich versetze mich also voll und ganz in Zeit und Raum, hinsichtlich des Themas oder der Themen, die ich im Roman entwickele.  

Übrigens ist es mir oft eine Freude, meine Romane in Gemälde und meine Gemälde in Romane zu übersetzen !

In Ihren Büchern, etwa im Gedichtband Le noir du soleil, im Roman Africa 2.1 Arnaque und im Buch Humanité solide – Eine Einführung in die Humanitudeeine Einführung über die Voraussetzungen menschlichen Lebens, sind wiederkehrende  Themen die Werte afrikanischer Kulturen und das Anliegen ihrer Erhaltung hinsichtlich der Dominanz des Westens.
Inwiefern sind Ihrer Meinung nach diese Werte humanistisch? Inwiefern sind sie jenen westlichen Bürgern ein guter Ratgeber, die sich aufgrund von Einsamkeit und unsteter bezahlter Arbeit beklommen fühlen? Und wie empfinden Sie das Anliegen ihrer Erhaltung im Alltag?

Afrika bietet der gesamten Welt einen Strauß von Kulturen, die alle in einen Punkt münden, nämlich in die Einsicht: Ich, das ist zunächst der andere, getragen vom Prinzip des inbegriffenen Dritten. Die Existenz des anderen und die Berücksichtigung der Naturgesetze sind unanfechtbar für jeden würdigen Afrikaner, jener, der die Kolonialherrschaft und all ihre Wirrungen verworfen hat.  

Der Westen ist nicht wegen seiner Barmherzigkeit dominant, oder weil er es verstünde, einen harmonischen Umgang mit der Umwelt zu pflegen. Er ist auch nicht dominant etwa durch eine mögliche „humanitude“ (Anm. d. Red.: „humanitude“ ist ein eigener Begriff des Autors Francis Beidi. Gemeint ist die bewusste Haltung des Menschen, jedem Angriff auf die Menschlichkeit, wie die Unterwerfung, standzuhalten, durch eine „humanité solide“, eine „standhafte Menschlichkeit“).

Der Westen ist dominant durch Aggressionen, durch Barbarei, er ist dominant durch die Kriege, die er plant und für deren Fortbestehen er sorgt. Er ist dominant durch die Morde anderer Völker.  Es ist kein Zufall, dass seine Wirtschaft auf dem Verkauf von Waffen gründet, gestützt von einer erlogenen und extrem zerstörerischen Medienpropaganda…  

Allein Werte, die auf der Ordnung des Universums beruhen, gelten für eine andauernde Menschlichkeit. Und in Afrika sind diese Werte tief verwurzelt. Deshalb ist Afrika, was diese Werte betrifft, sehr gut in der Lage, den Rest der Welt zu belehren,  ohne ein bisschen zu übertreiben…

Die Beklemmung westlicher Bürger rührt  daher, dass menschliches Leben mechanisch gemacht wird und dass Hinterlist herrscht. Die Beklemmung kommt vor allem durch das westliche Bildungssystem, das aus Kindern Könige macht, die mit 18 wieder zu Kindern werden, und die sich dann ganz allein vor der Polizei und vor Pflichten wiederfinden, ohne jede Unterstützung ihrer Eltern, die sich durch das System freiwillig jeder Autorität entledigen, das ist der wesentliche Grund für Angstzustände und Depressionen, die am Ende zum Selbstmord führen können. Ich glaube, auch auf dieser Ebene hat Afrika dem Rest der Welt noch viel Lebenserfahrung mitzugeben. Dass diese menschlichen Werte erhalten bleiben, beschäftigt mich also zutiefst.

Sie sind ebenfalls Verleger beim Verlag “Auteurs Pluriels”. Sie ziehen es jedoch vor, als Autor vorgestellt zu werden, können Sie dies erklären?

Ich bin Autor beim Verlag „Auteurs Pluriels“. Der Verlag AP ist Teil des Vereins ALISÉ (Association des Acteurs du Livre et du Spectacle pour l’Éducation), (dt.: Verein der Akteure des Buch- und Veranstaltungswesens für Bildung), ein Verein in Yaoundé, Kamerun. Der Verein gehört mir nicht.  

Ohne Unbehagen bewirken zu wollen, eine einzige Frage hinsichtlich ihres Verlages: Wie haben Sie dessen Notwendigkeit empfunden?
Sie bewirken überhaupt kein Unbehagen (lachen)! Ich wiederhole einfach, dass ich einer der zahlreichen Autoren bin, die bei „Auteurs Pluriels“ erscheinen. Auch wenn ich dessen Gründung aus nächster Nähe miterlebt habe, ich spreche nicht von mir als dessen Verleger.

Sie sehen sich als „auteur dégagé“, (dt. etwa: „freilegender Autor“). Meinen Sie damit, dass Sie die Wirklichkeit offenlegen und nicht überzeugen wollen? 

Als « auteur dégagé » löse ich mich von der Autorengruppe, die sich als „engagés“ – als engagiert – verstehen. Was mich betrifft, so nehme ich nicht den Platz jener Autoren der sogenannten Unabhängigkeit Afrikas ein, die auf Selbstgeißelung und Selbstverneinung münzen.  Ich gehöre nicht zu denen, die Fliegen von Müllhaufen verjagen und davon heiser werden, sondern zu jenen, die die Mülleimer entsorgen, auch wenn mir das den Zorn der Müllhaufenleger einbringen kann… „Die Wirklichkeit offenzulegen reicht nicht, man muss darüber hinaus Überzeugungen Tür und Tor öffnen.“ An dieser Stelle fügen sich die Argumente in den Flickteppich der Buchleinwand ein.

 Africa 2.1 Arnaque legt dar, dass ihm eine eingehende Recherche vorausging, etwa über den Zweiten Weltkrieg und den Umgang mit afrikanischen Soldaten, die für Frankreich  gekämpft haben. Welche Rolle spielt die Rechercharbeit in Ihren Werken?

Weil sich die Fiktion von der Realität inspiriert, ist die Recherchearbeit unabdingbar für meine Werke. Will ich ein Erlebnis wiedergeben, das mich beschäftigt, muss ich – nach ersten künstlerischen Unterbewusstseinsflüssen – notgedrungen zur historischen und gegenwärtigen materiellen Realität wiederkehren, um die lebendigen Kräfte der Materien umzuwandeln, um zu „alchemisieren“.

Dabei sind die Informationen an meine Persönlichkeit gebunden (meinen Stil). Am Ende also dieser ganzheitlichen intellektuellen Arbeit, getragen von der Poetik der Dinge, stelle ich das Ergebnis dem Publikum zur Verfügung…

Was würden Sie gern jenen mitteilen, die Sie lesen?
Dass Wissen in Umlauf ist, für das Wohl aller. Ein Buch lebt, solange es in den Händen der Menschen aufgeschlagen liegt. Lest und lasst lesen… Das möchte ich jenen mitteilen, die mich lesen.

Arlette-Louise Ndakoze

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